Der Auftrag ist übergeben, die Zuständigkeiten sind geklärt. Trotzdem kommt die Arbeit nicht weiter. Schnittstellenmanagement muss auch die Rückfragen und Zielkonflikte erfassen, die zwischen den Rollen entstehen. Und es braucht eine Verständigung darüber, was geschieht, wenn die bisherigen Vereinbarungen keine Antwort geben.
Vier Ansatzpunkte für die Arbeit zwischen Bereichen
- Einen stockenden Vorgang verfolgen: Übergaben, Rückfragen und Wartezeiten gemeinsam rekonstruieren. Zusätzlichen Arbeitsaufwand getrennt von der verstrichenen Zeit erfassen.
- Die nächste Seite fragen: Was brauchst du, damit du weiterarbeiten kannst? Übergabeinformationen und einen Weg für die gemeinsame Klärung neuer Fälle vereinbaren.
- Zeit und Befugnisse zuordnen: Festhalten, wer offene Fragen nachhält und wer Prioritätskonflikte entscheidet. Die dafür nötige Arbeit in der Kapazitätsplanung berücksichtigen.
- Vereinbarungen im Alltag überprüfen: An weiteren Vorgängen beobachten, was trägt. Bei neuen Unklarheiten miteinander sprechen und die Vereinbarung bei Bedarf anpassen.
Der Auftrag ist übergeben. Die Arbeit wartet.
Stellen Sie sich vor: Ein Kunde wartet auf die Umsetzung seines Auftrags. Der Vertrieb hat die Unterlagen an den Fachbereich übergeben. Dort fehlt eine technische Angabe, ohne die niemand beginnen kann. Die Projektleitung verfolgt den zugesagten Termin. Ob dieser Auftrag Vorrang vor anderen hat, darf sie allerdings nicht entscheiden.
Die Rückfrage geht an den Vertrieb zurück. Der fragt beim Kunden nach. Die Antwort kommt, wirft aber eine neue Frage auf. Inzwischen ist die eingeplante Kapazität anderweitig vergeben. Im nächsten Statusgespräch können alle erklären, was sie getan haben. Der Auftrag wartet weiter.
An welcher Stelle liegt hier die Verantwortung? Für das Kundengespräch ist der Vertrieb zuständig, für die technische Bearbeitung der Fachbereich, für den Termin die Projektleitung. Offen bleibt, wer die Klärung zusammenhält, bis die nächste Seite tatsächlich weiterarbeiten kann. Ebenso offen ist, wie der Kapazitätskonflikt gelöst wird.
Vielleicht übernimmt jemand diese Arbeit längst: fragt nach, übersetzt die technische Rückfrage, erinnert an die Antwort und sucht eine entscheidungsbefugte Person. Dann ist die Schnittstelle keineswegs unbesetzt. Es wird dort gearbeitet. Nur ist möglicherweise weder Zeit dafür vorgesehen noch geklärt, welchen Einfluss diese Arbeit auf die Prioritäten der Bereiche hat.
Was Schnittstellenmanagement über die Rollenklärung hinaus braucht
Rollen zu klären ist sinnvoll. Auch Prozessbeschreibungen helfen, wenn sie das tatsächliche Zusammenwirken abbilden. Der Prozessansatz der ISO 9000 berücksichtigt ausdrücklich Wechselwirkungen sowie Verantwortung und Befugnisse.
Die Frage ist, wie viel davon im Alltag trägt. Sind nur die regulären Arbeitsschritte zugeordnet? Oder ist auch vereinbart, wie fehlende Angaben beschafft werden und wer bei widersprüchlichen Anforderungen entscheidet?
Eine RACI-Matrix kann solche Aufgaben abbilden. Sie hält fest, wer eine Aufgabe ausführt, dafür rechenschaftspflichtig ist, konsultiert oder informiert wird. Das C steht bereits für die Beteiligung anderer. Entsprechend beschreibt ein PMI-Praxisbeitrag RACI auch als Grundlage der Kommunikationsplanung.
Eine ausgefüllte Matrix beantwortet jedoch noch nicht die neue technische Frage im Kundenauftrag. Sie sagt auch nicht, welche Folgen eine geänderte Anforderung für den Termin hat. Darüber müssen die Beteiligten sprechen. Selbst eine sorgfältige Zuordnung nimmt ihnen diese Verständigung nicht ab.
Für das Schnittstellenmanagement folgt daraus eine praktische Frage: Was tun wir, wenn ein Fall auftaucht, den unsere Vereinbarungen nicht ausreichend klären? Wer dann nur die nächste Zuständigkeit sucht, kann einen Vorgang lange weiterreichen.

Koordinationsarbeit stimmt voneinander abhängige Beiträge aufeinander ab. Dazu gehören das Klären von Informationen, die Abstimmung von Übergaben und das Herbeiführen nötiger Entscheidungen. Sie benötigt Zeit und Zugang zu den Beteiligten, auch wenn sie zwischen den ausdrücklich beschriebenen Aufgaben einer Rolle anfällt.
Häufige Fragen zum Schnittstellenmanagement
Was bedeutet Schnittstellenmanagement in einer Organisation?
Schnittstellenmanagement gestaltet das Zusammenwirken von Rollen und Bereichen, deren Beiträge voneinander abhängen. Es klärt Übergaben, Rückfragen und den Umgang mit widersprüchlichen Anforderungen. Dazu gehört ein Weg zur Verständigung, wenn neue Fälle durch bestehende Vereinbarungen nicht ausreichend geregelt sind.
Warum reicht eine RACI-Matrix bei Übergabeproblemen nicht aus?
RACI ordnet Verantwortung und Beteiligung für beschriebene Aufgaben zu. Die Matrix kann auch die Klärung von Ausnahmen vorsehen. Welche Information im konkreten Fall fehlt und wie widersprüchliche Anforderungen aufgelöst werden, müssen die Beteiligten dennoch besprechen. Eine Zuordnung schafft weder automatisch verfügbare Zeit noch eine inhaltliche Antwort.
Wer trägt die Verantwortung zwischen Abteilungen?
Die Organisation muss klären, wer einen offenen Vorgang nachhält, wer wiederkehrende Abläufe gestaltet und wer Zielkonflikte entscheiden darf. Diese Aufgaben können bei bestehenden Rollen liegen. Wichtig sind die Verbindung zwischen ihnen, die erforderlichen Befugnisse und ausreichend Zeit für die Abstimmung.
Hilft mehr Abstimmung bei Schnittstellenproblemen?
Bei offenen Fragen ist direkte Verständigung notwendig. Für wiederkehrende, geklärte Abläufe können verlässliche Übergaben den Abstimmungsbedarf verringern. Sobald eine neue Unklarheit entsteht, müssen die Beteiligten wieder miteinander sprechen können. Zusätzliche Dauertermine sind dafür nicht in jedem Fall hilfreich.
Wie kann der Lotsendienst für Führungskräfte unterstützen?
Ich bringe Erfahrung aus vielen Schnittstellen-Workshops ein. Gemeinsam mit Ihnen und den beteiligten Bereichen arbeite ich an konkreten Übergaben, offenen Entscheidungen und Vereinbarungen für die Zusammenarbeit. Zur operativen Unterstützung gehört auch der Blick auf ihre Umsetzung. Welche Arbeitsform dafür passt, klären wir an der Situation. Die Linienverantwortung bleibt bei Ihnen.
Die Arbeit dazwischen lässt sich beobachten
Nachfragen, Informationen übersetzen und Beiträge aufeinander abstimmen sind Tätigkeiten mit eigenem Aufwand. Malone und Crowston fassen Koordination als Bearbeitung von Abhängigkeiten zwischen Aktivitäten. Für unseren Auftrag heißt das: Die technische Arbeit hängt von einer brauchbaren Kundenantwort ab. Die Terminplanung hängt zusätzlich von einer Prioritätsentscheidung ab.
Die Forschung zu Boundary Spanning, sinngemäß dem Brückenbauen über organisatorische Grenzen hinweg, untersucht die Arbeit zwischen Teams und Bereichen. Eine Meta-Analyse von Leicht-Deobald und Kollegen findet einen positiven Zusammenhang zwischen dem weiter gefassten Boundary Management und Teamleistung. Dieser Zusammenhang fällt je nach Ausgestaltung unterschiedlich aus und belegt keine automatische Leistungssteigerung durch mehr Außenkontakte.
Konkrete Wartezeiten und Nacharbeit werden auch im Lean-Kontext untersucht. Eine Wertstromanalyse in einem kleinen brasilianischen Ingenieurbüro dokumentiert ein bemerkenswertes Detail: Ein bereits vorhandenes Dokument wurde erneut erstellt, um nicht auf seine Übermittlung warten zu müssen. Die Beteiligten arbeiteten also weiter. Für den gemeinsamen Ablauf entstand trotzdem zusätzliche Arbeit.
Aus einem solchen Fall lässt sich keine allgemeine Verlustquote ableiten. Er zeigt aber, wonach man suchen kann: Wo fehlen Informationen? Wo wird Arbeit wiederholt? Welche Abstimmung erledigt jemand nebenbei? Wer nur die Bearbeitung innerhalb einzelner Rollen betrachtet, bekommt diesen Aufwand schwer zu fassen.
Wer klärt den Fall, und wer darf den Konflikt entscheiden?
Im Kundenauftrag muss zunächst jemand die offene technische Frage bis zur brauchbaren Antwort verfolgen. Diese Person braucht Zugang zu den Beteiligten und Zeit für die Klärung. Sie muss nicht jede fachliche Antwort selbst geben können.
Wenn sich dieselbe Schwierigkeit bei weiteren Aufträgen wiederholt, ist zusätzlich der Ablauf zu verändern. Vertrieb und Fachbereich müssen gemeinsam festlegen, welche Angaben bei der Übergabe vorliegen sollen. Prozessverantwortliche können diese Arbeit zusammenführen. HR und Organisationsentwicklung können helfen, die nötigen Aufgaben und Arbeitsbedingungen in den Rollen zu verankern.
Der Kapazitätskonflikt verlangt wiederum eine Entscheidung: Soll der Auftrag vorgezogen werden, obwohl ein anderes Vorhaben dadurch später fertig wird? Wer die Rückfrage nachhält, darf diese Abwägung nicht zwangsläufig treffen. Dafür muss eine befugte Führungskraft erreichbar sein, die die Folgen für beide Vorhaben verantwortet.
Diese Aufgaben lassen sich bestehenden Rollen zuordnen. Eine zusätzliche Stelle ist dafür nicht automatisch erforderlich. Entscheidend ist, dass die Verbindung funktioniert: Die Person, die das Problem erkennt, kann eine Klärung anstoßen. Was die Beteiligten nicht selbst entscheiden dürfen, erreicht die zuständige Führung. Das Ergebnis kommt zu denen zurück, die damit weiterarbeiten müssen.
Eine Schnittstelle bekommt eine Stimme, wenn diese Arbeit bei Entscheidungen über Kapazität und Prioritäten berücksichtigt wird. Sonst kann aus der hilfsbereiten Person ein dauerhafter Ansprechpartner werden, der viel nachhält und wenig verändern kann.
Klärung bleibt unvollständig. Redet miteinander.
Auch nach gründlicher Klärung wird es Fälle geben, für die eine Vereinbarung nicht ausreicht. Ein Kunde verändert seine Anforderung. Eine bisher verlässliche Information fehlt. Zwei dringende Aufgaben benötigen dieselbe Person. Der Ablauf lässt sich daraufhin verbessern, aber nicht für jede künftige Situation abschließend regeln.
Deshalb: Wenn etwas unklar ist oder Probleme auftreten, redet miteinander. Beim Kundenauftrag kann das mit einer einfachen Frage beginnen: Was brauchst du, damit du weiterarbeiten kannst? Die andere Seite kann erklären, was sie liefern kann, was noch fehlt und welche Folgen das hat. So lässt sich auch erkennen, ob die Beteiligten selbst eine Lösung finden oder eine Entscheidung benötigen.
Das Gespräch braucht einen Platz im Arbeitsalltag. Wer Rückfragen nur zusätzlich zur ohnehin vollen Aufgabenliste bearbeiten soll, muss dafür andere Arbeit verschieben. Führung sollte diese Abwägung ermöglichen und klären, wie die Beteiligten einander erreichen.
Dabei verlangt nicht jede Übergabe dieselbe Intensität. Das Praxisframework Team Topologies unterscheidet gemeinsame Klärung auf Zeit, Leistungsbeziehungen und zeitweilige Befähigung. Es stammt aus dem Technologieumfeld. Für andere Bereiche lässt sich daraus eine nützliche Frage ableiten: Müssen wir gerade gemeinsam etwas herausfinden, eine wiederkehrende Leistung verlässlich übergeben oder fehlendes Wissen aufbauen?
Sind die Anforderungen geklärt, kann eine einfache Übergabevereinbarung genügen. Taucht ein neuer Fall auf, wird wieder gesprochen. Was dabei gelernt wurde, fließt in die Vereinbarung ein. So bleibt sie brauchbar, ohne Vollständigkeit zu versprechen.
Untersuchen Sie, wo Ihre Arbeit wartet
Wie groß der Aufwand an Ihren Schnittstellen ist, lässt sich am eigenen Ablauf untersuchen. Wählen Sie dafür eine wiederkehrende Übergabe und verfolgen Sie über einen vereinbarten Zeitraum vergleichbare Vorgänge. Die Wertstromanalyse bietet dafür einen Zugang: Sie betrachtet Material- und Informationsflüsse über einzelne Arbeitsschritte hinaus.
Halten Sie fest, wann etwas weitergegeben wurde, wann die nächste Seite damit arbeiten konnte und welche Rückfragen dazwischen entstanden. Erfassen Sie zusätzlich, wie viel Arbeitszeit in Suchen, Nachfragen und Korrigieren floss. Die Tage, die ein Vorgang wartet, sind etwas anderes als die Minuten, die Menschen mit seiner Klärung verbringen.
Besprechen Sie die Verläufe mit den beteiligten Bereichen. Fehlende Angaben, volle Kapazitäten und eine notwendige Prüfung verlangen unterschiedliche Antworten. Wartezeit allein zeigt noch nicht, welcher Anteil vermeidbar ist. Auch ein schnellerer Ablauf nach einer Änderung beweist für sich nicht, dass allein diese Änderung ihn verbessert hat.
Für den Kundenauftrag könnte das Ergebnis sehr konkret sein: Die technische Rückfrage hat einen vereinbarten Weg. Die Projektleitung weiß, wen sie bei konkurrierenden Prioritäten ansprechen muss. Der Fachbereich meldet zurück, ob er mit den Unterlagen weiterarbeiten kann.
Schnittstellenmanagement bleibt damit eine laufende Aufgabe. Vereinbarungen geben Orientierung. Bei der nächsten Unklarheit muss es möglich sein, die Beteiligten zusammenzubringen und eine tragfähige Antwort zu finden.
Was passiert beim nächsten ungeklärten Fall?
Nehmen Sie eine wichtige Übergabe zwischen zwei Bereichen: Wissen die Beteiligten, wie sie bei Unklarheiten miteinander ins Gespräch kommen und wie sie eine nötige Entscheidung erreichen? Daran lässt sich prüfen, ob Ihre Vereinbarung auch dann hilft, wenn sie keine fertige Antwort enthält.
Schnittstellen ohne Stimme: Wer die Arbeit zwischen Rollen verantwortet
Ich habe viele Schnittstellen-Workshops durchgeführt. Eine Erkenntnis war immer dieselbe: Die Klärung ist notwendig und bleibt doch unvollständig. Deshalb gehört für mich zu jeder Vereinbarung auch die Frage: Wie kommen wir miteinander ins Gespräch, wenn etwas unklar ist oder Probleme auftreten?
Wenn die Arbeit zwischen Ihren Bereichen immer wieder stockt, können wir gemeinsam daran arbeiten, die Übergaben zu klären und diese Verständigung im Alltag möglich zu machen. Im Lotsendienst für Führungskräfte unterstütze ich Sie operativ bei den dafür nötigen Entscheidungen und ihrer Umsetzung. Ein Schnittstellen-Workshop kann ein passender Anfang sein. Sie behalten die Linienverantwortung.

Dieter Bickenbach, der Notarzt für Organisationen
Co-Autor: ChatGPT 5.6 Sol
Dieter Bickenbach ist der Lotse, der für schwierige Passagen an Bord kommt. Er hilft Führungskräften, in festgefahrenen Situationen schnell wieder handlungsfähig zu werden und in komplexen Lagen wechselnde Strömungen zu bewältigen und scharfe Klippen zu umfahren. Seine Methoden: vielfältig, je nach Situation. Durchgängig ist radikale Ehrlichkeit. Anstatt fertige Lösungen zu verkaufen, befähigt er Organisationen, ihre eigenen Probleme nachhaltig zu lösen. Mit über 20 Jahren Erfahrung in Organisationskrisen und einem Faible für systemische Zusammenhänge bringt er Ruhe in den Sturm – und manchmal auch einen trockenen Kommentar, wenn es die Situation verträgt.
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