Kennen Sie das? Die Absicht war brillant: Um agiler zu werden, schickt das große Mutterschiff – der Tanker – kleine, wendige Schnellboote aus. Eigene Tochtergesellschaften, ausgestattet mit Gründergeist und der Freiheit, neue Märkte zu erobern. Die Aufbruchsstimmung ist riesig.
Und dann passiert, was fast immer passiert.
Die Schnellboote entwickeln eine enorme Eigendynamik. Sie preschen vor, treffen schnelle Entscheidungen und entwickeln dabei erhebliche Zentrifugalkräfte, die sie vom Zentrum wegziehen. Der Tanker wiederum, besorgt um die Gesamtstrategie und die Einhaltung von Standards, versucht gegenzusteuern. Er will die Schnellboote enger anbinden, mehr Kontrolle ausüben, die Leinen kürzer halten.
Das Ergebnis: ein ausgewachsener Grabenkampf. Misstrauen, blockierte Prozesse, massive Konflikte zwischen den Geschäftsführungen der „jungen Wilden“ und den Bereichsleitungen der Zentrale. Ein Zustand, der ein ganzes Unternehmen lahmlegen kann. Genau in so einem Moment wurden wir als Organisations-Notarzt gerufen, um genau diese Art von Strukturkonflikte zu lösen.
Anatomie einer vorhersehbaren Kollision
Der Fall bei den Stadtwerken einer Großstadt war exemplarisch. Bei aller Aufbruchseuphorie wurde etwas Entscheidendes vergessen: gemeinsam auszuhandeln, wie die Gewichte im neuen System verteilt werden.
- Der Traum von der Agilität: Die Intention war goldrichtig. Man wollte Flexibilität, schnelle Reaktion auf Marktentwicklungen und unternehmerische Initiative fördern. Das funktioniert nur, wenn man Verantwortung dezentralisiert.
- Der Albtraum des Kontrollverlusts: Was als „Vertrauen“ gegeben wurde, fühlte sich in der Zentrale bald wie Kontrollverlust an. Was als „unternehmerische Freiheit“ gedacht war, wurde als „Wildwuchs“ und „Verrücktheit“
- Der Konflikt eskaliert auf der Beziehungsebene: Statt über Rollen und Verantwortlichkeiten zu streiten, ging es plötzlich um Personen. „Die in der Zentrale bremsen uns aus!“ traf auf „Die da draußen machen, was sie wollen!“. Ein klassischer Fall, bei dem ein ungelöster Sachkonflikt auf die persönliche Ebene kippt und dort alles vergiftet.

Rollen- & Entscheidungsrahmen zwischen Zentrale und Einheiten sind unklar; Tempo prallt auf Standards.
Lösung: Governance explizit verhandeln (Entscheidungsrollen, Autonomie, Bericht, Vetos, SLAs, Eskalation, Review).
Vom Schlachtfeld zum Verhandlungstisch – in 3 Schritten
Dissens zulassen (sicherer Raum, alle Perspektiven)
Dissens ist nützliches Datenmaterial: Zentrale und „Schnellboote“ müssen Widersprüche offenlegen dürfen, ohne Gesichts- oder Karriereangst. Erst dann kommen die echten Zielkonflikte und Risiken auf den Tisch – die Basis für tragfähige Vereinbarungen.
Von Person zu Rolle (Konflikt entgiften)
Trenne Beziehung und Sache: Wir verhandeln Rollen, Interessen und Kriterien, nicht Personen. So werden Vorwürfe zu lösbaren Anforderungen und die Diskussion kippt vom persönlichen Schlagabtausch zur sachlichen Rollenklärung.
Aber: wenn das nicht möglich ist, sind die Beziehungsprobleme prioritär zu behandeln – genau in dem Maße, dass es braucht, um Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen.
Gewichte neu aushandeln (klarer Governance-Vertrag)
Übersetze die Einsichten in klare Entscheidungsrollen, Autonomiegrenzen, SLAs, Eskalationswege und Review-Rhythmen – mit einem Single Point of Accountability. Klare Entscheidungsrechte erhöhen Geschwindigkeit und Verbindlichkeit, weil jeder weiß, wer empfiehlt, wer mitwirkt, wer entscheidet und wer liefert.
Unsere Aufgabe war es, den Brand zu löschen, aber nicht, indem wir Wasser auf die Flammen schütteten, sondern indem wir den Brandherd freilegten: den nicht verhandelten Rollenkonflikt.
Die Akut-Intervention: Vom Schlachtfeld zum Verhandlungstisch in 3 Schritten
Wenn die Fronten derart verhärtet sind, helfen keine Appelle an die Vernunft mehr. Es braucht einen klaren, strukturierten Prozess, der die Energie aus dem Beziehungsdrama nimmt und auf die Sachebene lenkt.
Schritt 1: Den Dissens bewusst zulassen
Der erste und wichtigste Schritt war, die Eskalation zu stoppen, indem wir einen sicheren Raum schufen. Wir haben alle Stakeholder eingeladen – die „jungen Wilden“ aus den Schnellbooten und die Leitungsfunktionen aus dem Tanker – und ihre jeweiligen Nöte, Wünsche und Perspektiven erhoben. Ohne Wertung. Ohne Lösungsdruck. Der entscheidende Punkt hier war, den Dissens und die unterschiedlichen Realitäten nicht nur zu tolerieren, sondern explizit zuzulassen und sichtbar zu machen. Alle Karten mussten auf den Tisch.
Schritt 2: Den Konflikt von der Person auf die Rolle verlagern
Sobald alle Perspektiven im Raum waren, wurde etwas Faszinierendes sichtbar: Der Konflikt war kein Kampf zwischen „guten“ und „bösen“ Managern. Es war ein unvermeidlicher Konflikt zwischen den Rollen, die sie innehatten. Die Rolle „Geschäftsführung Schnellboot“ muss auf Autonomie und Geschwindigkeit drängen. Die Rolle „Leitung Finanzen im Tanker“ muss auf Compliance und Synergien achten. Indem wir den Konflikt so in einen neuen Rahmen stellen konnten, zogen wir den Stachel aus den persönlichen Verletzungen. Plötzlich war Verstehen möglich.
Schritt 3: Die Gewichte neu aushandeln
Auf dieser neuen, sachlichen Grundlage konnten wir die entscheidenden Fragen verhandeln:
- Welche Entscheidungen darf ein Schnellboot zu 100 % autonom treffen?
- Wo gibt es eine klare Berichtspflicht gegenüber dem Tanker?
- In welchen Fragen hat die Zentrale ein Vetorecht (z. B. bei großen Investitionen oder strategischer Markenführung)?
- Wie sehen die Kommunikations- und Eskalationswege aus, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt?
Für die Geschäftsführer der Schnellboote war es nicht schön, einen Teil ihrer frisch gewonnenen Freiheit wieder abzugeben. Und für die Zentrale war es nicht schön, den Töchtern weitreichende Freiheiten zu garantieren. Aber beide Seiten verstanden, warum es notwendig war, um als Ganzes handlungsfähig zu bleiben.
Keine Mediation sondern Systemarchitektur
Dieser Prozess zeigt, warum wir oft als Organisations-Notarzt und nicht als klassische Mediatoren agieren. Es geht nicht primär darum, dass der Konflikt gelöst ist. Es geht darum, die zugrunde liegende Systemarchitektur zu reparieren.
Wenn die Regeln der Zusammenarbeit unklar sind, sind Konflikte unausweichlich. Unsere Intervention sorgt dafür, dass diese Regeln explizit gemacht und von allen Beteiligten gemeinsam ausgehandelt werden. Das ist die Voraussetzung, um nachhaltig Strukturkonflikte zu lösen und die Energie der Organisation wieder auf den Markt und die Kunden zu lenken, anstatt sie in internen Grabenkämpfen zu verbrennen.
Wenn es Ihnen darum geht, den Konflikt aus der Welt zu schaffen, das systemische Problem dahinter aber mit gutem Grund nicht adressieren zu wollen, können wir sicher sein, dass wir nicht gegen unsere Überzeugung handeln werden. Wir werden ihnen ein ehrliches „Nein, dafür sind wir nicht die Richtigen.“ mitgeben und bei Bedarf einen guten Mediator empfehlen.
Steckt Ihr wichtigstes Transformationsprojekt wegen ungelöster interner Konflikte fest?
Fühlen Sie sich auch zerrieben zwischen dem Tanker und den Schnellbooten in Ihrer Organisation? Wenn unklare Verantwortlichkeiten und Machtkämpfe wertvolle Energie kosten, ist schnelles und klares Handeln gefragt.
Wir stabilisieren die Lage in 1–3 Tagen, indem wir die schmerzhafte Diagnose liefern. Wir klären, wo es wirklich brennt und ob eine systemische Begleitung Sie befreien kann.
► Bevor Sie teures Geld verbrennen: Lassen Sie uns einen ehrlichen 3-Tage-Check machen und gemeinsam für nachhaltige Klarheit sorgen.

Dieter Bickenbach, der Notarzt für Organisationen
Co-Autor: Gemini 2.5 pro
Dieter Bickenbach ist Organisations-Notarzt. Er hilft Führungskräften, in festgefahrenen Situationen schnell wieder handlungsfähig zu werden. Seine Methode: Akut-Intervention, systemische Erstuntersuchung und radikale Ehrlichkeit. Anstatt fertige Lösungen zu verkaufen, befähigt er Organisationen, ihre eigenen Probleme nachhaltig zu lösen. Mit über 20 Jahren Erfahrung in Organisationskrisen und einem Faible für systemische Zusammenhänge bringt er Ruhe in den Sturm – und manchmal auch einen trockenen Kommentar, wenn es die Situation verträgt.
Der Resonanzgarten
Die Bibliothek des Organisations-Notarztes & System-Architekten
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