Vertrauen zurückgewinnen, Risiken offenlegen, Plan neu aufsetzen
Es gibt diese Anrufe, die sich wie ein Ritterschlag anfühlen. „Herr Bickenbach, haben Sie ein bisschen Zeit? Wir brauchen da mal Unterstützung bei einem kritischen Projekt.“ Absender: einer der deutschen Hidden Champions, ein hochrespektiertes Unternehmen. Das Projekt: die Einführung eines neuen CAD-Systems, das in für die Organisation gefährliche Gewässer geraten war.
Kennen Sie das? Ein Projekt, das technologisch anspruchsvoll, aber machbar ist, aber trotzdem ins Trudeln gerät? Wo das Management nervös wird und das Vertrauen in die handelnden Personen zu bröckeln beginnt?
Genau das war hier der Fall. Es ging um ein neues, leistungsfähigeres CAD-System – das zentrale Nervensystem für Entwicklung und Fertigung, überlebenswichtig gekoppelt an SAP. Die Geschäftsführung hatte das Vertrauen in den bisherigen Projektleiter nicht verloren, weil er technisch überfordert gewesen wäre. Sondern weil bei einem Vorgängerprojekt die Kopplung schon einmal gescheitert war und das Werk tagelang stillstand. Die Befürchtung, dass sich diese Katastrophe wiederholen könnte, war also mehr als berechtigt. Und sie wurde nicht ausreichend adressiert.
Das Projekt war nicht an der Technik gescheitert. Es war dabei, an der Psychologie zu scheitern.
Die Akut-Intervention: reden, reden, reden.
Was war also die wichtigste, erste Krisenintervention? Nicht ein neuer Plan. Nicht ein neues Tool. Sondern die trivialste und gleichzeitig am meisten unterschätzte Tätigkeit in der Ingenieurs- und IT-Welt: Reden. Und zwar mit allen.
- Mit dem bisherigen Projektleiter: Um seine Pläne zur Risikoeindämmung zu verstehen. Denn er hatte natürlich welche. Er war nah dran, er kannte die Gefahren, er war kein Idiot.
- Mit der Geschäftsleitung: Um ihre Befürchtungen wirklich zu verstehen und ihnen gleichzeitig klarzumachen, dass das Risiko bekannt und systematisch adressiert wird. Es ging um Vertrauensbildung durch Transparenz.
- Mit den Entwicklungsleitern: Als die entscheidenden Stakeholder, deren Prozesse und Arbeit direkt betroffen waren.
- Mit dem Systemlieferanten: Als der entscheidende Partner für die heikle Schnittstellen-Thematik.

Projektrettung startet mit Transparenz & Vertrauen: Stakeholder gezielt einbinden, Risiken offen adressieren, Stabilisierung herstellen und dann einen Recovery-Plan mit Meilensteinen, Reporting und klaren Entscheidungs-/Eskalationswegen aufsetzen.
Akutmaßnahmen (erste 72 Stunden)
Lagebild erstellen (Status, Blocker, Risiken).
Erzeuge ein objektives „State of the Project“ aus Doku-Review und Interviews: aktueller Status gegen Baselines, kritische Blocker, Top-Risiken sowie erste Ursachenhypothesen – das ist der Start jeder Projektrettung.
Stakeholder-Gespräche führen (Sponsor/PL/Key-Leads).
Führe strukturierte Interviews, um ungefilterte Probleme, Erwartungen und Entscheidungsbedarfe sichtbar zu machen; offene, klare Kommunikation mit Stakeholdern ist für die Recovery zentral.
Status-/Risikobericht fürs Management erstellen.
Berichte kompakt (nicht das ganze Register): Gesamtrisikolage, Top-Risiken, Reaktionen und benötigte Entscheidungen – als Entscheidungsgrundlage für Führungsgremien.
Entscheidungs-Slot & Eskalationsweg festlegen.
Definiere einen festen Entscheidungsrhythmus und einen klaren Eskalationspfad: innerhalb Toleranzen steuern, bei Abweichung Exception/Highlight Report und Eskalation an das Board („Management by Exception“).
Stabilisierungsschritte (Scope einfrieren, Engpass entlasten).
Stoppe Scope-Zuwachs und nicht-kritische Arbeiten, setze strikte Change-Kontrolle und entlaste Engpässe nach der Theory of Constraints, um Durchsatz schnell zu stabilisieren.
Dieser Rundumschlag an Gesprächen ist kein „Soft Skill“. Er ist die knallharte Basis jedes erfolgreichen Projekts. Das ist Stakeholder-Management.
Danach brauchte es die zweite Währung des Vertrauens in einer Ingenieurskultur: Struktur, Systematik und Transparenz. Wir haben den Projektplan neu aufgesetzt, transparent gemacht, wo wir stehen, was die nächsten Schritte sind und – ganz wichtig – was es kostet. Aus Sicht eines erfahrenen Projektleiters scheint das trivial. Das sind die absoluten Basics. Im echten Leben ist es das oft nicht.
Warum die Basics so oft auf der Strecke bleiben
Warum ist das so? Warum vernachlässigen fähige, intelligente Menschen so oft diese fundamentalen Dinge? Aus meiner Erfahrung gibt es dafür ein ganzes Bündel an systemischen Gründen:
- Die Überlastung des Internen: Als interner Projektleiter managt man selten nur das eine, große Projekt. Man hat Routineaufgaben, Tagesgeschäft, muss fünf andere Bälle gleichzeitig in der Luft halten. Da bleibt das aufwendige Kommunikations-Orchester schnell auf der Strecke.
- Der Fluch des Fach-Experten: Interne Projektleiter sind oft die besten Fach-Experten. Sie können die fachlichen Probleme lösen. Die Notwendigkeit, permanent mit allen Stakeholdern zu reden, erscheint ihnen oft als überflüssiger Overhead. Sie wissen ja, was zu tun ist.
- Die Falle des introvertierten Genies: Ich sage das jetzt mal ganz vorsichtig, aber in der IT- und Ingenieurswelt ist der introvertierte, hochkonzentrierte Denker keine Seltenheit. Das ist eine riesige Stärke für die Problemlösung. Für die proaktive, permanente Kommunikation kann es eine Hürde sein.
Der vielleicht wichtigste Punkt ist aber die Verwechslung von Rollen: Als IT-Experte, der ein CAD-System einführt, bin ich nicht automatisch der Fach-Experte für die Prozesse der technischen Entwicklung, die dieses System nutzen soll. Meine Aufgabe als Projektleiter ist es also nicht, die Lösung vorzugeben. Meine Aufgabe ist es, die Fachexperten in die Lage zu versetzen, ihre Anforderungen so zu formulieren, dass am Ende das Richtige dabei herauskommt. Und das ist ein Prozess, der moderiert werden muss. Man muss Experimentier-Zyklen drehen, bis die Anforderungen wirklich scharf sind.
Und dann passiert die Magie: Im intensiven, strukturierten Austausch entsteht ein gemeinsames Bild. Die Kommunikation wandelt sich von „Das ist doch Blödsinn“ zu „Das geht so nicht, weil…, aber wir könnten folgendes versuchen…“. Es entsteht eine neue Qualität des Austauschs. Das passiert aber nicht von allein.
Meine wichtigste Erkenntnis
Projekte geraten selten in eine Schieflage, weil große technische Dinge übersehen werden. Sie geraten in eine Schieflage, weil die menschlichen und prozessualen Aspekte – Risiko- und Stakeholdermanagement – vernachlässigt werden. Manchmal auch, weil Auftraggeber gar nichts von Risiken hören wollen, aber das ist ein anderes Thema.
Wir müssen davon ausgehen, dass ein Projektleiter, der den Job nebenher macht, nicht das gesamte Spektrum eines komplexen Veränderungsprojekts im Blick haben kann.
Das ist oft unkritisch.
Aber wenn es, wie in diesem Fall, um ein überlebenswichtiges Projekt geht, kann diese Lücke schnell zu einem existenziellen Problem für das Unternehmen werden. Dann helfen keine Standard-Projektmanagement-Trainings mehr. Dann ist die Situation zu verfahren, das Vertrauen zu beschädigt.
Das ist dann ein klarer Fall für den Organisations-Notarzt.
Steckt Ihr Projekt in einer ähnlichen Schieflage?
In über 20 Jahren Arbeit mit Organisationen habe ich eines gelernt: Manchmal hilft ein ehrliches Gespräch mit jemandem, der genau diesen Sumpf schon durchquert hat, mehr als jeder Berater-Pitch. Weil diese Menschen wissen, wie es sich wirklich anfühlt – und wo die Stolpersteine liegen, die in keinem Lehrbuch stehen.
Deshalb mache ich Ihnen ein ungewöhnliches Angebot. Wenn Sie sich in diesem Fallbeispiel wiedererkennen, haben Sie zwei Optionen:
Der Peer-Connect (Erfahrungsaustausch):
Ich vernetze Sie vertraulich mit meinem damaligen Auftraggeber aus diesem Projekt. Kein Verkaufsgespräch, nur ein ehrlicher Austausch von Führungskraft zu Führungskraft darüber, was funktioniert hat (und was nicht)
Der Direkt-Draht (Diagnose):
Wir sprechen direkt. Als Organisations-Notarzt werfe ich in 15 Minuten einen Blick auf Ihre Situation und gebe Ihnen eine erste, ehrliche Einschätzung, ob ich helfen kann

Dieter Bickenbach, der Notarzt für Organisationen
Co-Autor: Gemini 2.5 pro
Dieter Bickenbach ist Organisations-Notarzt. Er hilft Führungskräften, in festgefahrenen Situationen schnell wieder handlungsfähig zu werden. Seine Methode: Akut-Intervention, systemische Erstuntersuchung und radikale Ehrlichkeit. Anstatt fertige Lösungen zu verkaufen, befähigt er Organisationen, ihre eigenen Probleme nachhaltig zu lösen. Mit über 20 Jahren Erfahrung in Organisationskrisen und einem Faible für systemische Zusammenhänge bringt er Ruhe in den Sturm – und manchmal auch einen trockenen Kommentar, wenn es die Situation verträgt.
Der Resonanzgarten
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